Bern, 24. Mai 2011 

Dopen wird alltäglich

In der Schweiz werden immer mehr leistungssteigernde Mittel konsumiert. Die Politik wird angesichts dieser Entwicklung kaum darum herum kommen, sich damit zu befassen. Eine Studie von TA-SWISS (Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung) empfiehlt, ihre Nutzung und Verbreitung zu untersuchen, sie im Heilmittelgesetz zu regulieren und gesellschaftliche Auswirkungen zu bedenken.

 Der Markt für leistungssteigernde Produkte (Enhancer) wächst. Während die einen mit Hilfe von Medikamenten (Ritalin, Modafinil) effizienter lernen oder länger arbeiten wollen, trinken andere Energy Drinks oder verwenden Nahrungsergänzungsmittel. Solche Produkte zielen darauf ab, die Fähigkeiten von gesunden Menschen zu verbessern. Dies wird als «Human Enhancement» bezeichnet.

 Vermehrt konsumiert und wirksam erlebt

Eine Umfrage der Deutschen Angestellten Krankenversicherung DAK ergab: Im Arbeitsalltag dopen sich rund 5 Prozent von 3000 befragten berufstätigen Personen. Am häufigsten werden Substanzen gegen Angst, Nervosität und Unruhe eingesetzt. Sie machen rund 44 Prozent aus, gefolgt von 35 Prozent Pharmaka gegen depressive Verstimmungen und 13 Prozent Medikamenten gegen Aufmerksamkeits-Störungen wie ADHS. Nicht alle «Leistungssteigerer» können rezeptfrei erworben werden. Einige sind für therapeutische Zwecke entwickelt und zugelassen und müssen daher vom Arzt verschrieben werden. Da indes die Grenzen zwischen «gesund» und «krank» fliessend sind, besteht ein Ermessensspielraum. Dass «Hirn-Enhancer» eine überzeugende Wirkung entfalten, konnte bis anhin bei gesunden Personen nicht nachgewiesen werden. Doch Anwenderinnen und Anwender empfinden sie oft als wirksam. Unklar ist, ob es sich dabei nur um eine subjektive Wahrnehmung oder um einen Placebo-Effekt handelt. Möglich auch, dass nicht diagnostizierte psychische Belastungen vorliegen und deshalb eine therapeutische Wirkung erzielt wird.  

 Mitmachen oder sich hinten anstellen

Momentan sind keine neuen Substanzen oder Verfahren in Sicht, mit denen körperliche oder geistige Grenzen nebenwirkungsarm überwunden werden könnten. Trotzdem rät TA-SWISS aufgrund der Ergebnisse der Studie, spezifische Grundlagen für die heutigen und künftigen Anwendungen von Human Enhancement zu schaffen und eine vertiefte politische Diskussion zum Thema Leistungsgesellschaft zu führen. Denn Doping im Alltag könnte angesichts des zunehmenden Drucks in der Arbeitswelt noch an Bedeutung gewinnen: Sollten sich wirksame Produkte verbreiten, würde der Druck steigen, solche Substanzen anzuwenden. Politikerinnen und Politiker stehen vor der Frage, ob sie diese gesellschaftliche Entwicklung und deren Konsequenzen unterstützen wollen.

Nicht verbieten, sondern praxistauglich regulieren

Die Studie von TA-SWISS empfiehlt, zu untersuchen, wie Human Enhancement in der Schweiz  genutzt wird. Zudem soll geklärt werden, wo die Grenze zwischen zulässigem und unzulässigem Enhancement liegt. Erfahrungen aus dem Bereich Suchtpolitik könnten dafür Lösungsansätze bieten. Auf dieser Grundlage ist es möglich, zu beurteilen, inwieweit Human Enhancement politisch wünschenswert ist und wie die Regulierung aussehen müsste. Falls erwogen wird, leistungssteigernde Mittel zuzulassen, sollte das Heilmittelgesetz weiterentwickelt werden. Für klinische Versuche mit «Enhancern» gälten dann ähnliche Auflagen wie bei Medikamenten. Auf einen Wirkungsnachweis könnte allerdings verzichtet werden. Es müsste jedoch ein Täuschungsschutz für Anwenderinnen und Anwender gewährleistet sein, d.h. irreführende Angaben wären nicht zulässig. Bei der Forschung am Menschen sollten für die Versuchspersonen Nutzen und Risiken im Vergleich zu Medikamenten neu bewertet werden. Und da zurzeit keine Tierversuche für leistungssteigernde Substanzen gemacht werden dürfen, müssten auch die Vorgaben zum Tierschutz überprüft werden.

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Informationen zum Projekt

Studie
Anne Eckhardt, Andreas Bachmann, Bernhard Rütsche, Harry Telser. Human Enhancement. TA-SWISS, Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung (Hrsg.). vdf Hochschulverlag AG der ETH Zürich, 2011. ISBN 978-3-7281-3396-0. Auch als open acces eBook erhältlich, www.vdf.ethz.ch

Kurzfassung der Studie
TA-SWISS (Hrsg.). Zugeschnitten auf mehr Leistung. Mit Human Enhancement die Menschen verbessern. Kurzfassung der Studie von TA-SWISS «Human Enhancement». Bern 2011.

 

Auskunft:      

   Sekretariat TA-SWISS, +41 31 310 99 60, OVBXX1Z5TVgUSk5QSkoXWlE@nospam
   Susanne Brenner, +41 31 310 99 65, ViUjJTc4ODN4NCQzODgzJBYiN3slIT8lJXg1Pg@nospam

 

TA-SWISS
Brunngasse 36
CH-3011 Bern
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F + 41 31 310 99 61
info@ta-swiss.ch

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Studie Human Enhancement. Auch als open acces eBook erhältlich, www.vdf.ethz.ch

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