Neue Nukleartechnologien heutemorgen SRF1
Neue Nukleartechnologien in der Sendung Heute Morgen auf Radio SRF1 am 17. September 2024
Neue Nukleartechnologien in der Sendung Heute Morgen auf Radio SRF1 am 17. September 2024
In Supermärkten stehen immer grössere Regalflächen für pflanzenbasierte Ersatzprodukte für Fleisch und Milch zur Verfügung. Vom Soja«schnitzel» über «Geschnetzeltes» aus Erbsenproteinen bis hin zur Hafer«milch» oder dem «Weichkäse» aus Cashewnüssen. Wer beim Ersatz zugreift und dafür auf Fleisch verzichtet, reduziert die negativen Auswirkungen seiner Ernährung auf die Umwelt. Beim Milchersatz ist das Bild indes weniger klar und stark davon abhängig, welche Pflanzen als Rohstoff für das Ersatzprodukt verwendet wurden. Das zeigt eine Studie im Auftrag von TA-SWISS, die verschiedene Ernährungsformen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit untersucht hat. Die Fachleute von Agroscope und der Universität Bern befassten sich zudem mit der Sicht der Konsumentinnen und Konsumenten sowie mit rechtlichen und ethischen Fragen.
Bei den gesundheitlichen Aspekten ist der Austausch von Fleisch und Milch durch Ersatzprodukte differenziert zu betrachten. Risiken, die mit erhöhtem Fleischkonsum einhergehen, können zwar vermindert werden, allerdings fehlen bei Ersatzprodukten zum Teil die Nährstoffe, die grösstenteils durch tierische Produkte geliefert werden. Etwa Vitamin B12, das für die Blutbildung und neuronale Entwicklung wichtig ist. Andere essentielle Mikronährstoffe wie Eisen kann der menschliche Körper weniger gut aufnehmen, wenn sie pflanzlichen Ursprungs sind. Bei einer ausschliesslich pflanzenbasierten Ernährung drohen deshalb Mangelerscheinungen, wenn diese Nährstoffe vernachlässigt werden. Gleiches gilt für Calcium und Jod in der Milch. Davon ist in Ersatzprodukten deutlich weniger vorhanden, sofern die Stoffe nicht künstlich zugesetzt werden. Grundsätzlich bleibt die schweizerische Lebensmittelpyramide Richtschnur für eine ausgewogene Ernährung.
Die Herstellung von Fleischersatzprodukten ist – hinsichtlich Wasser- und Landverbrauch, CO2-Ausstoss, Überdüngung und Versauerung von Ökosystemen – mit geringeren Umweltbelastungen verbunden als die Erzeugung von Fleisch. Allerdings sind die Unterschiede abhängig von Tier- bzw. Pflanzenart. Beim Ersatz von Milchprodukten durch pflanzliche Alternativen ist die Bilanz durchzogen. Bei Mandeldrinks ist der Wasserverbrauch deutlich höher als bei Kuhmilch. Auch Haferdrink hat einen höheren Wasserbedarf. Ersatzprodukte aus Soja hingegen schneiden im Vergleich zu Kuhmilch besser ab.
Mit der Ernährung sind viele Traditionen und Werthaltungen verbunden. Einige Personen probieren neugierig aus dem gesamten Sortiment, andere lehnen pflanzliche «Kopien» grundsätzlich ab und wiederum andere fühlen sich von Ersatzprodukten abgestossen, wenn diese Fleisch ähneln. Aus diesem Grund wird in der Studie vorgeschlagen, Ersatzprodukte nicht als blosse Imitation von «Originalprodukten» tierischen Ursprungs zu positionieren, sondern auch als eigenständige Esswaren. Während Gesundheit und Nachhaltigkeit wichtige Gründe für den Konsum von Ersatzprodukten sind, fällt es Konsumentinnen und Konsumenten schwer, diese zu beurteilen. Damit diejenigen Lebensmittel ausgewählt werden können, die den eigenen Ansprüchen am besten gerecht werden, braucht es verständliche Angaben zu wichtigen Mikronährstoffen und idealerweise auch zu der mit der Produktion verbundenen Umweltbelastung.
In der Studie wurde untersucht, welches landwirtschaftliche Potenzial in der Schweiz für den Anbau von Ausgangsprodukten für Fleisch- und Milchersatz besteht. Mit Blick auf die Selbstversorgung wäre es sinnvoll, dafür Rohstoffe zu verwenden, die im Inland angebaut werden. Das hiesse etwa, den Anbau von Hülsenfrüchten zu steigern. Wird der Selbstversorgungsgrad als Massstab genommen, ist es allerdings nicht zielführend, komplett auf Fleisch- und Milchproduktion zu verzichten. Rinderzucht und Milchwirtschaft machen Weideflächen indirekt als Nahrungsquellen nutzbar, die für den Ackerbau ungeeignet sind.
Die Studie «Fleisch- und Milchersatzprodukte – besser für Gesundheit und Umwelt? Auswirkungen auf Ernährung und Nachhaltigkeit, die Sicht der Konsumentinnen und Konsumenten sowie ethische und rechtliche Überlegungen» wurde durchgeführt von einem interdisziplinären Team unter der Leitung von Dr. Mélanie Douziech und Dr. Eric Mehner von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für die landwirtschaftliche Forschung. Ebenfalls an der Erarbeitung der Studie beteiligt war die Abteilung Consumer Behavior am Institut für Marketing und Unternehmensführung der Universität Bern.
Die Studie erscheint beim vdf-Verlag und ist im Buchhandel erhältlich. Sie steht auch als kostenloses E-Book im Open Access zur Verfügung.
Studie, Kurzfassung und weitere Informationen zum Projekt sind auf der Projektwebseite verfügbar: https://www.ta-swiss.ch/fleisch-und-milch-ersatz
Ob Volksmusik, Theaterfestival oder Gamedesign: Kultur lebt von der Begegnung zwischen Menschen, ihren Werken und ihrem Wirken. Technologien spielen dabei seit jeher eine wichtige Rolle. Doch wie gestalten sich die aktuellen Verflechtungen zwischen digitalen Möglichkeiten und Kulturschaffen? Ein dreiteiliges TA-SWISS-Projekt nimmt die Chancen und Risiken der Digitalisierung im Kulturbereich unter die Lupe.
Kaum eine Kunst oder deren Verbreitung kommt heute ohne digitale Mittel aus. Dies kann den Kunstschaffenden einerseits neue Möglichkeiten eröffnen, ihre Kreativität auszudrücken, über die Grenzen des physischen Raums hinweg mit anderen zusammenzuarbeiten oder ihre Werke einem weltweiten Publikum zugänglich zu machen. Andererseits stellt es sie vor neue Herausforderungen: So nimmt mit der «digital gepowerten» Reichweite auch der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit ganz neue Dimensionen an. Und der Einzug der generativen Künstlichen Intelligenz in die Kunstwelt wirft die Frage auf, welche Rolle menschliche Leistung, Kreativität und Authentizität, im Sinne einer eigenen, unverwechselbaren Ausdrucksform, im Kulturschaffen künftig spielen sollen. Zudem könnte sich unter den Bedingungen der Digitalisierung die soziale und rechtliche Situation von Kulturschaffenden, die bereits heute prekär arbeiten, weiter verschärfen.
Die drei Teilstudien des TA-SWISS-Projekts werfen einen differenzierten Blick auf die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Kulturschaffen und die Kulturförderung. Sie zeigen, wo Handlungsspielräume bestehen, um die Digitalisierung im Kulturbereich so zu gestalten, dass sie die kulturelle Vielfalt stärkt, gut zugängliche neue Reflexionsräume schafft und damit die kulturelle Teilhabe möglichst aller fördert.
Die Nutzung digitaler Anwendungen sehen viele Kulturschaffende ambivalent: Zwar können sie sowohl in der Kreativitätsphase als auch bei der Kommunikation und Vermarktung hilfreich sein, doch diese Vorteile sind nur mit zusätzlichem, oft von den Kulturschaffenden selbst getragenem, zeitlichem, finanziellem und emotionalem Aufwand zu haben. Diese Ambivalenz setzt die Hochschule Luzern (HSLU) mit fiktiven, aber realitätsnahen Künstlerpersonas in Szene. Sie stützt sich bei ihrer umfassenden Betrachtung der sozialen, wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Auswirkungen der Digitalisierung auf die Kunstsparten Musik, Theater und Visuelles Design auf Literaturrecherchen sowie mehrere qualitative Befragungen und Fokusgruppenworkshops mit Kulturschaffenden.
Diese qualitative Analyse wird durch die quantitative Studie des Schweizer Musikrates (SMR) ergänzt, welche die spezifischen Auswirkungen der Digitalisierung im Musikbereich beleuchtet und mittels zweier Befragungen eruiert, wie das Schweizer Musikschaffen von der aktuellen digitalen Entwicklung betroffen ist, sie wahrnimmt und mit ihr umgeht. Dabei zeigt sich, dass die meisten musikalischen Institutionen und Musikschaffenden einen sehr pragmatischen Umgang mit neuen technologischen Entwicklungen pflegen. Digitale Anwendungen, bei denen das Verhältnis von individuellem Aufwand und Ertrag stimmt, werden genutzt, alle anderen wieder fallen gelassen. Das gilt für digitale Notenprogramme genauso wie für Anwendungen der generativen künstlichen Intelligenz.
Die Gründe dafür sind nicht zuletzt auch ökonomischer Natur. Digitalisierung schafft neue Marktmechanismen, die insbesondere durch Aufmerksamkeit getrieben werden. Im globalen virtuellen Wettbewerb treffen IT-Giganten, Kunstschaffende und Amateure aufeinander. Im Kern sind Non-fungible Tokens (NFTs) der Versuch, die Marktmacht zu dezentralisieren und Käufer und Verkäufer direkt miteinander in Kontakt zu bringen. Der Think & Do Tank Dezentrum setzt sich in seiner Diskursanalyse mit dem Hype auseinander, den die Einführung dieser Blockchain-basierten Echtheitszertifikate im Kunstmarkt ausgelöst hat.
Auf unterschiedlichen Wegen gelangen die drei Teilstudien zum selben Schluss: Nur in Kombination mit den Stärken der analogen Welt, ihrer Verbindlichkeit, Nähe und Wärme, kann die digitale Sphäre ihre Vorteile zugunsten des Kunstschaffens ausspielen und dessen Rolle als gesellschaftlicher Reflexionsraum stärken. Daraus ergeben sich eine Reihe von Handlungsoptionen. Empfohlen werden beispielsweise Massnahmen zur Schaffung fairer Einkommensbedingungen, die kontinuierliche Überarbeitung und Anpassung des Urheberrechts, sowie gezielte Informations- und Schulungsangebote für Kulturschaffende.
Zentral ist die Feststellung, dass das Zusammenspiel von Kultur und Digitalisierung nicht zuletzt von strukturellen Faktoren abhängt. Die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Kulturschaffen und die Kulturförderung sollten deshalb zu einem mehrjährigen Schwerpunkt des Nationalen Kulturdialogs werden: Die politischen Entscheidungstragenden, Kulturorganisationen und Kunstschaffenden müssen die Entwicklung aktiv begleiten, um allenfalls Kurskorrekturen einleiten zu können.
Studie, Kurzfassung und weitere Informationen zum Projekt sind auf der Projektwebseite verfügbar: www.ta-swiss.ch/kultur-und-digitalisierung
Die drei Studien lassen sich auf einer virtuellen Plattform entdecken und erleben, wo jedem der drei Projekte ein interaktiver Raum gewidmet ist: www.proofofculture.ch
Der Sammelband «Gestreamt, gelikt, flüchtig – schöne neue Kulturwelt?» zur NTA10 Konferenz ist beim Nomos Verlag erschienen.
Die Digitalisierung ist die treibende Technologie unserer Zeit; ihre Kinder heissen Internet, Smartphone und soziale Medien. Diese digitale Familie prägt und verändert unser Denken, Fühlen und Wollen. Mit andern Worten: Sie prägt unsere Kultur. Schafft der digitale Wandel in der Kultur tatsächlich völlig neue Produkte? Schafft er neben neuen Produktionsformen auch andere Inhalte – im Rahmen des künstlerischen Schaffens, aber auch in der Arbeitswelt, im politischen System, in unserem Zusammenleben? Die zahlreichen, formal teilweise ganz unterschiedlichen, Beiträge in diesem Sammelband loten das Zusammenspiel von Digitalisierung und Kultur aus und zeigen, inwiefern das Neue teilweise bereits im Alten, Analogen, angelegt ist.
Der Sammelband kann bei Nomos als Buch bestellt oder heruntergeladen werden.
Radio SRF1, Morgengast, 09. Juli 2024
Elisabeth Ehrensperger
Radio SRF1, Rendez-Vous am Mittag, 9.Juli 2024
Beitrag
SRF Tagesschau, 9. Juli 2024
Die Digitalisierung macht auch vor dem Tod nicht halt. Immer mehr Dienste nutzen digitale Technologien und versprechen den Betroffenen am Ende des Lebens oder darüber hinaus Begleitung und Unterstützung. Eine Studie im Auftrag von TA-SWISS hat bestehende Angebote untersucht und kommt zum Schluss, dass diese je nach ihrer weiteren Verbreitung grossen Einfluss auf die individuelle Vorausplanung, die Trauer und die Erinnerung an Verstorbene haben können. Vonnöten sind hohe technische, rechtliche und ethische Standards ebenso wie die Sensibilisierung von Bevölkerung, Dienstleitungsanbietern und Fachpersonal in Bestattungsunternehmen und in der Trauerbegleitung.
Digitale Dienstleistungen rund um den Tod lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Zur einen Gruppe gehören diejenigen, die es ihrer Kundschaft ermöglichen zu bestimmen, was nach ihrem Tod mit ihren persönlichen Daten geschieht. Solche Dienstleistungen zielen darauf ab, den Umgang mit dem eigenen digitalen Nachlass zu regeln oder Verfügungen sowie Wünsche zum Umgang mit dem eigenen Ableben in digitaler Form zu hinterlegen. Sie gehören zu den sogenannten «Death Tech». Die andere Gruppe richtet sich an die Trauernden. Sie umfasst beispielsweise die Möglichkeit, im Internet virtuelle Gedenkstätten einzurichten oder sogenannte «Deadbots» bzw. Avatare zu programmieren, mit denen sich eine Art Kontakt mit den verstorbenen Angehörigen simulieren lässt. Solche Angebote gehören ins Feld der «Grief Tech».
Der Trauerprozess ist sehr individuell, sodass die Einflüsse der in der Studie verhandelten Dienstleistungen und Angebote auf den Umgang mit Tod und Trauer nicht pauschal beurteilt werden können. Grundsätzlich wirken sie in einem äusserst sensiblen Bereich. Deshalb sollten Fachpersonen in Bestattungsunternehmen und in der Trauerbegleitung befähigt werden, die Risiken, die mit Diensten des «Digital Afterlife» einhergehen, zu erkennen und zu vermeiden, aber auch Möglichkeiten, die sich etwa in der Vorausplanung oder der Trauerarbeit ergeben, zu nutzen. Denn schon heute können digitale Dienste helfen, den eigenen Nachlass zu organisieren und die administrativen Umtriebe rund um einen Todesfall zu bewältigen. Dazu müssen diese jedoch höchsten rechtlichen, ethischen und technischen Standards genügen. Um digitale Testamente zu ermöglichen, wären zusätzliche rechtliche Anpassungen nötig. Allgemein empfehlen die Studienautorinnen und -autoren, dass Anbieter digitaler Dienste rund um Trauer und Tod höchste Sorgfaltspflichten beachten, damit die Selbstbestimmung der Menschen, die diese Dienste nutzen, ebenso wie die persönlichen Rechte der Hinterbliebenen jederzeit gewahrt bleiben.
Bilder, Videos und Tonaufnahmen, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz erzeugt oder verändert wurden, sind aus unserer digitalen Welt nicht mehr wegzudenken. Um deren unliebsamen Folgen einzudämmen, braucht es einen Mix aus unterschiedlichen Massnahmen. Das zeigt die aktuelle Studie von TA-SWISS. Gleichzeitig wird in der Studie gefordert, die Selbstverantwortung und die Medienkompetenz zu stärken, damit das Potenzial der synthetisch generierten Medien positiv genutzt werden kann.
Bilder, Videos oder Tonaufnahmen mithilfe von KI zu verändern oder neu zu erschaffen, wird immer einfacher. Die so erzeugten synthetischen Medien lassen sich kaum von echten Inhalten unterscheiden. Die Technik verspricht interessante Anwendungen, etwa im Unterhaltungsbereich oder in der Bildung. Doch auch der Missbrauch ist weit verbreitet. Kriminelle nutzen künstlich kopierte Stimmen für betrügerische Schockanrufe bei Privatpersonen. Unternehmen müssen sich gegen Hacker und Spione wappnen, die versuchen, unbefugt mit Hilfe von Deepfakes Zugang zu Computersystemen und Betriebsgeheimnissen zu erlangen. Im zwischenmenschlichen Umgang lauern Gefahren, etwa für Frauen, die mit gefälschten pornografischen Aufnahmen unter Druck gesetzt werden, oder für Jugendliche, die auf dem Pausenplatz Mobbing mittels KI-Inhalten erfahren. Schliesslich können Deepfakes eine Bedrohung für die Demokratie darstellen, wenn sie verwendet werden, um politische Gegner zu diskreditieren.
TA-SWISS hat in der Studie «Deepfakes und manipulierte Realitäten» eine Auslegeordnung gemacht. Es wird aufgezeigt, welche Rahmenbedingungen bereits jetzt für Deepfakes gelten und wo noch Regulierungsbedarf besteht. Zudem wird in der Studie untersucht, inwieweit sich Bürgerinnen und Bürger von gefälschten Inhalten aufs Glatteis führen lassen. Im Hinblick auf die Chancen von Deepfakes wird exemplarisch aufgezeigt, in welchen Bereichen synthetisch erzeugte Inhalte einen Mehrwert aufweisen.
Irreführende oder illegale Deepfakes werden insbesondere dann zur Bedrohung, wenn sie sich massenhaft und unkontrolliert verbreiten. Hier setzt eine erste Empfehlung der Studie an: Indem die Medienkompetenz der Menschen gestärkt wird, lassen sich diese weniger dazu hinreissen, solche gefälschten Inhalte (bewusst oder unbewusst) zu teilen. Denn rein technisch gesehen ist es für Einzelpersonen kaum möglich, gut gemachte Deepfakes als Fälschung zu erkennen. Als weiteres Mittel wird in der Studie empfohlen, auf grosse Plattformen einzuwirken. Da künstlich erzeugte Inhalte hauptsächlich dort verbreitet werden, hätten Plattformen eine direkte Möglichkeit, deren Verbreitung – wenn nötig – zu unterbinden. Schliesslich stellt die Studie fest, dass Personen, die Ziel und Opfer von Deepfakes werden, zusätzliche Hilfsangebote brauchen. Dazu sollten Beratungsstellen ausgebaut werden.
Sowohl Menschen als auch Computerprogramme sind beim Erkennen von Deepfakes nicht vor Fehlschlüssen gefeit. Auch mit Anleitung gelang es vielen Menschen während eines Experimentes im Rahmen der Studie nicht, mittels KI generierte Inhalte als solche zu erkennen. Nicht viel besser schnitten die getesteten Detektor-Programme ab. Auch sie vermögen keine verlässliche und konstante Einschätzung abzugeben, ob Inhalte synthetisch erstellt wurden oder ob sie echt sind. Eine wichtige Rolle kommt daher den klassischen Medien zu. Sie sind bereits sensibilisiert darauf, Falschmeldungen zu erkennen. Ihre Rolle als verlässliche Informationsquellen dürfte damit gestärkt werden. Allerdings weisen die Studienautorinnen und -autoren darauf hin, dass es auch in der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür braucht, dass nicht alle genutzten News-Quellen nach journalistischen Prinzipien funktionieren.
Zusätzlich werden technische Massnahmen diskutiert, die von Anfang an kenntlich machen, woher ein Bild stammt. Namhafte Hersteller von Kameras versuchen, mit sogenannten Content Credentials eine Art digitale Echtheitszertifikate zu etablieren. Darin können nicht nur Ort und Aufnahmezeit eines Fotos verlässlich gespeichert werden, sondern auch transparent die Bearbeitungsschritte bis zur Publikation nachvollzogen werden.
Gerade im Bereich der Unterhaltungsindustrie ergeben sich dank Deepfakes vielfältige Chancen. Beispielsweise für Synchronfassungen von Filmen. Mit Unterstützung von KI lassen sich die Lippenbewegungen der Schauspielerinnen und Schauspieler an die jeweilige Sprache anpassen. In der Bildung könnten digitale Avatare historischer Figuren einen unmittelbaren Zugang ermöglichen, etwa als interaktive Führer in Museen. Und nicht zuletzt erhoffen sich Polizei und Strafverfolgungsbehörden von Deepfakes neue Möglichkeiten bei der Verbrechensbekämpfung, etwa zur Rekonstruktion von Tatorten oder Tathergängen.
Marlène da Silva war nervös. In einer Viertelstunde würde sie vor der Sicherheitspolitischen Kommission des Ständerats ihr App mit dem Namen Perfecto vorstellen dürfen. Gemeinsam mit einem Team aus ehemaligen Studienkolleginnen und -kollegen war ihnen gelungen, was vorher noch niemand geschafft hatte: Persönliche Daten von Bürgerinnen und Bürgern so zu kombinieren, dass ein anonymes Datenprofil entstand, dessen ausgeklügelte Verschlüsselung nur über mehrmalige Verifizierungsschritte für Dritte zugänglich war.
Trotz dieses grösstmöglichen Datenschutzes war die App Perfecto in der Lage, kontinuierlich Daten über die Aktivitäten der Userin oder des Users zu sammeln. Zum Beispiel wenn die Person Twint benutzte oder im Internet surfte. Zusätzlich aber – und das war der Clou! – registrierte sie auch Verhaltensdaten, die von anderen Personen beobachtet und bewertet werden konnten. Marlène war überzeugt, dass solche Datenprofile den Menschen helfen würden, sich respektvoller gegenüber anderen und ihrer Umwelt zu verhalten. Sie wollte nicht tatenlos herumsitzen, während die Überschwemmungen und Waldbrände häufiger wurden und während –
«Frau da Silva, bitteschön, Sie dürfen eintreten.» Abrupt hatte sie die Stimme des Sekretärs aus den Gedanken gerissen. Sie atmete einmal tief ein und aus. Los geht’s. Wenige Minuten später präsentierte sie den Ständeratsmitgliedern der Sicherheitspolitischen Kommission, woran sie und ihr Team in den letzten Monaten fast Tag und Nacht gearbeitet hatten. Ihr Produkt war erst seit 5 Wochen auf dem Markt, hatte aber bereits hohe Wellen geschlagen. Zuerst hatten sie den renommierten Preis der Stiftung für Konsumentenschutz gewonnen, der seit 2028 ethische Standards in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz prämierte. Kurz darauf trafen die ersten Hass-Botschaften via Social Media ein und auch die Presse bezichtigte sie der Augenwischerei, ja sogar noch abschätziger, als gewissenlose Wegbereiterin des Schweizer Schnüffelstaats.
Trotz diesem Gegenwind, tönte ihre Stimme nun selbstbewusst durch den holzgetäfelten Raum: «Wie Sie auf dieser Illustration erkennen können, handelt es sich bei dem von uns entwickelten System um eine sehr simple, aber genau deshalb sehr präzise und sichere Methode zur Erstellung von Bürgerprofilen.» Dann erklärte sie den Aufbau Schritt für Schritt. Zuerst die Datensammlung. Die Ständerätinnen und -räte liessen sich von Marlène erläutern, wie ihre App Perfecto es erlaubt, Personen im Umkreis von 25 Metern zu orten und anonym ihr Verhalten zu bewerten: Der Typ auf der anderen Strassenseite hat gerade seine Kippe achtlos weggeworfen? Mit Perfecto gibt es endlich eine adäquate Sanktionsmöglichkeit. Eine Mittfünfzigerin half einem jungen Vater den Kinderwagen in den Zug zu hieven? Perfecto gibt einem die Möglichkeit, solches Verhalten anständig zu verdanken.
Dann die Datenauswertung. Ein Zusammenspiel vieler robuster Algorithmen berechnet, gewichtet, und aktualisiert laufend das aus den Daten entstehende Datenprofil. In einem kleinen wissenschaftlichen Feldexperiment mit 200 Studentinnen und Studenten konnten Marlène und ihr Team beweisen, dass sich typische Schweizer Tugenden wie Sauberkeit, Hilfsbereitschaft und Fleiss innerhalb von 3 Monaten unter den Nutzerinnen und Nutzern deutlich häuften.
Zum Abschluss sagt Marlène da Silva: «Wie gesagt, der Datenschutz ist auf dem absolut neuesten Stand, weshalb ich Ihnen empfehle, meine App flächendeckend in unserem Land einzuführen. Für eine perfekte Schweiz.»
Als Marlène gegen Abend auf dem Sofa liegt, kommt ihr Sohn von der Schule nach Hause. Auf ihre Frage, wie es ihm gehe, entgegnet er sichtlich schlecht gelaunt: «Diese blöden Verhaltensnoten. Ich habe immer noch ungenügend. Aber Hauptsache Anna ist wieder Klassenbeste, diese dumme Kuh. Ihre Noten sind nur so gut, weil sie alle hübsch finden.» Bevor Marlène beschwichtigen kann, verschwindet er wutentbrannt in seinem Zimmer.
Schon ein bisschen unfair, wenn sich Schülerinnen und Schüler gegenseitig bewerten müssen, denkt Marlène. Und auf einmal läuft es ihr kalt den Rücken hinunter. Was, wenn ihre App Perfecto plötzlich der Vetternwirtschaft dient? Wäre das möglich? Eigentlich hatten sie solche Mechanismen rechnerisch ausgeschlossen. Ausserdem sollte es immer möglich sein, schlechtes Verhalten mit gutem zu kompensieren. Was aber würde passieren, wenn die guten Taten niemand wahrnehmen und in der App vermerken würde? Es war schliesslich verboten sich selbst zu bewerten.
Im Hintergrund liefen auf Spotify derweil die letzten Zeilen von Mani Matter’s Klassiker:
«Louf i am Bundeshus sider verby
Mues i gäng dänke, s’steit numen uf Zyt
S′länge fürs z’spränge paar Seck Dynamit.»
«Oder eine App», murmelte Marlène leise vor sich hin.
Zusammen mit Science et Cité konnten wir an der Museumsnacht Bern einen Einblick in unsere Studie «Ersatzprodukte für Fleisch, Milch & Co.» geben. Die Apérohäppchen luden ein zum Probieren, Verweilen und Diskutieren.
Die Technologiefolgen-Abschätzung beschäftigt sich mit den Auswirkungen neuer Technologien auf Gesellschaft und Umwelt. Eine ihrer Aufgaben ist das Monitoring, d. h. die frühzeitige Auseinandersetzung mit aktuellen technologischen Entwicklungen. Nachfolgend die Themen und Fragen, mit welchen sich TA-SWISS derzeit befasst.

Deepfakes sind authentisch wirkende, aber durch Techniken des Deep Learnings unter grossem Rechenaufwand hergestellte oder abgeänderte Medieninhalte. Erpressung, Identitätsdiebstahl oder Manipulation der öffentlichen Meinung und demokratischer Prozesse einerseits, neue Unterhaltungsangebote, Kosten- und Zeiteinsparungen oder die Verbesserung von Bildungsangeboten andererseits: TA-SWISS analysiert die zu erwartenden Auswirkungen von Deepfakes auf Politik, Medien, Wirtschaft und die Rechtsprechung in der Schweiz und ermittelt, wo Handlungsbedarf besteht. Die Studie wird am 18. Juni 2024 publiziert.

Es gibt ein digitales Leben nach dem Tod. Wer heute stirbt, lässt eine Menge Daten, Nutzerkonten und -profile sowie virtuelle Besitztümer zurück (deren Essenz die Künstliche Intelligenz extrahieren und ‹weiterleben› lassen kann). TA-SWISS setzt sich damit auseinander, wie digitale Technologien den Umgang mit Tod, Sterblichkeit, Trauer und Bestattungskultur verändern, und welche rechtlichen, datenschützerischen und ethischen Fragen damit verbunden sind. Die Studie wird voraussichtlich im Juli 2024 publiziert.

Fleisch und Milchprodukte kommen bei vielen selten oder gar nicht mehr auf den Tisch. Stattdessen wird zu Ersatz aus pflanzlichen Rohstoffen gegriffen. Aber werden diese Produkte ihrem Image des Gesunden, Tier- und Umweltfreundlichen tatsächlich gerecht? Und welchen Beitrag können sie zu einer nachhaltigeren Ausrichtung des Ernährungssystems leisten? Die interdisziplinäre Studie wird am 3. September 2024 publiziert.

Die Kultur mit ihren vielfältigen Ausprägungen ist ein wichtiger Bestandteil der Identität eines Landes. Ihr steter Wandel wird derzeit auch von der Digitalisierung wesentlich geprägt. Im Auftrag von TA-SWISS untersuchen der Schweizer Musikrat, die Hochschule Luzern und der Think & Do Tank Dezentrum in einer interdisziplinären Studie, wie Kulturschaffende aus verschiedenen Branchen mit den neuen, digitalen Möglichkeiten umgehen, sowie deren Einfluss auf Authentizität, Einzigartigkeit und Reichweite kulturellen Schaffens. Die dreiteilige Studie wird im August oder September 2024 publiziert.

Angetrieben von der globalen Digitalisierung, dem Rückgang der Verwendung von Bargeld, und den Entwicklungen in der Kryptowelt, hat das Interesse an digitalen Währungen in den letzten Jahren zugenommen. TA-SWISS analysiert die Chancen und Risiken der möglichen Einführung eines «Digitalen Frankens» für das Schweizer Finanzsystem. Diese Studie wird 2025 publiziert.

Sobald wir uns im Internet bewegen, hinterlassen wir digitale Spuren. Mithilfe immer leistungsstärkerer Analysetools fügen sich solche Datenspuren zur Kundenprofilen zusammen. Was in der Privatwirtschaft eine gängige Praxis ist, um Dienstleistungen zu personalisieren, könnte in Zukunft auch vermehrt über die Zuteilung von Ressourcen (Bankkredite, Mietobjekte, CO2-Verbrauch usw.) entscheiden. TA-SWISS interessiert sich dafür, inwiefern die Anwendung solcher Datenprofile soziale Ungleichheit vergrössern oder im Spannungsverhältnis mit demokratischen Grundwerten stehen kann. Die Ausschreibung läuft bis zum 28. März 2024.

Effizientere und kostengünstigere Methoden der genetischen und biochemischen Analyse sowie der Bildgebung sollen es in Zukunft ermöglichen, viel mehr gesundheitsrelevante Daten für Forschung, Früherkennung von Krankheiten und Prävention auszuwerten als heute. Über den realisierbaren Nutzen besteht allerdings Unklarheit. Zudem wirft der Appell an die Allgemeinheit, persönliche Daten aus Gründen der Solidarität zur Verfügung zu stellen, rechtliche und ethische Fragen auf. TA-SWISS schreibt eine interdisziplinäre Studie zum Thema aus. Einreichefrist ist der 28. März 2024.

KI-Tools wie ChatGPT werden bald fester Bestandteil von Alltag, Arbeitswelt und Hochschulen sein und sich massiv darauf auswirken, wie wir uns informieren, wie wir kommunizieren, arbeiten, lernen, denken und Wissen produzieren. TA-SWISS interessiert sich dafür, welche Kompetenzen die möglichst optimale Nutzung grosser Sprachmodellen voraussetzt. Welche Fähigkeiten werden an Bedeutung gewinnen, wer gewinnt und wer verliert?
Vor dem Hintergrund von Klimawandel und Energiekrise wird der Bau neuer Atomkraftwerke in der energiepolitischen Debatte in der Schweiz von verschiedener Seite wieder erwogen. TA-SWISS sieht das als Anlass, die Chancen und Risiken von Nukleartechnologien der vierten Generation (z. B. kleiner modularer Reaktoren, Thoriumreaktoren oder Fusionsreaktoren der neusten Generation) zu analysieren und damit einen sachlichen Input für die absehbaren demokratischen Auseinandersetzungen zu liefern.