Technologiefolgen-Abschätzung: Wann, wenn nicht jetzt?

Die gegenwärtige Corona-Krise stellt unseren Alltag auf den Kopf. Es herrschen ausserordentliche Umstände, bis vor kurzem kaum denkbare Einschränkungen werden zur neuen Normalität. Vieles von dem, was bisher selbstverständlich schien, wird in Frage gestellt, und ob nach der Krise alles wieder zum Alten zurückkehrt, scheint zumindest fraglich.

Für die Technologiefolgen-Abschätzung ist es von besonderem Interesse festzustellen, dass Technologie in der Bewältigung dieser Krise eine überaus grosse Rolle spielt. Als unabhängiges Bindeglied zwischen Wissenschaft und Politik setzt sich TA-SWISS seit vielen Jahren mit den Chancen und Risiken neuer Technologien auseinander, erläutert Sachverhalte, zeigt das dichte Gewebe von Ursachen und Wirkungen auf und analysiert, welche Folgen welche Entscheide haben können. Damit, so lautet ihr Mandat, liefert die Stiftung die Grundlage für gewissenhaftes politisches Handeln.

Risiko und Ausnahmezustand

Für verschiedene digitale Technologien, zu denen TA-SWISS in jüngster Zeit Studien vorgelegt hat, entpuppt sich die Covid-19-Epidemie nun als regelrechter Testfall. Vieles von dem, was zuvor als Chance begriffen oder als Risiko nicht oder nur ungern in Kauf genommen wurde, erscheint in der Dringlichkeit des Ausnahmezustandes in einem anderen Licht. So wird es beispielsweise nach bestandener Krise interessant zu verfolgen sein, ob die geplante Markteinführung des neuen Mobilfunkstandards 5G in der Bevölkerung weiterhin auf so grosse Kritik stösst. Nachdem die Netze – obschon Teil der kritischen Infrastruktur unseres Landes – derart rasch an den Anschlag gekommen sind, dass die Swisscom ihre Nutzerinnen und Nutzer zum sparsameren Gebrauch von Streamingdiensten aufrufen und Youtube und Netflix die Videoqualität drosseln mussten, könnte der grossen Kontroverse um 5G und dessen Verheissungen – schnelleres Internet, mehr Bandbreite und kürzere Reaktionszeiten – möglicherweise einen neuen Dreh geben und zu einer breiteren gesellschaftlichen Akzeptanz verhelfen.

Vom wirklichen Leben ins Internet

Jetzt wo in den Industrieländern ein guter Teil der Bevölkerung isoliert zu Hause sitzt, weichen Arbeiten und Lernen, das gesellschaftliche und das politische Leben ins Internet aus. Virtuelle Wege der Kommunikation und Zusammenarbeit werden erprobt und erlauben es, die Sitzung mit den Arbeitskollegen, die Vorlesung, den Apero mit Freunden, den Lesezirkel, die Yogastunde und den Kochkurs weiterhin wahrzunehmen, während Kleingewerbler digitale Schaufenster eröffnen und der Onlinehandel boomt.

Doch insbesondere im Bereich der Arbeitswelt werfen etliche dieser in aller Eile auf die Beine gestellten Notlösungen in Bezug auf Datenschutz, Privatsphäre und IT-Sicherheit Fragen auf. Gleichzeitig dürfte der derzeitige Boost des Home-Office, das vor der Krise vielen Arbeitsgebern trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse noch immer suspekt war, die Art, wie wir in Zukunft arbeiten werden, nachhaltig verändern. Mit den Vor- und Nachteilen der durch das Internet ermöglichten Flexibilisierung der Arbeit hat sich TA-SWISS schon früh befasst. Wenngleich die Vorteile der Online-Wirtschaft gegenwärtig hervorstechen, zeigen die Studien von TA-SWISS auch, welche Gefahren Selbständigerwerbenden drohen, die ihre Einkünfte ausschliesslich über Internetplattformen erwirtschaften und auf jegliche arbeitsrechtliche Absicherung verzichten.

Drastisch zeigt die Corona-Krise auch das Problem der Zugangsgerechtigkeit auf. Nicht alle Tätigkeiten lassen sich ins Internet verlegen, nicht alle können die Chancen der Flexibilisierung gleichermassen nutzen: Das Ladenpersonal, die Kassierin, die Krankenpfleger und die Putzequipe können und müssen weiterhin einzig in der realen Welt tätig sein und sind dem Virus ausgesetzt. Und selbst die, die nun im Home-Office tätig sein können, haben nicht alle denselben Zugang zu technischem Gerät von Qualität oder schnellem Internet. Hier öffnen sich gesellschaftlich potenziell brisante digitale Gräben, die nicht unbedingt vorhersehbar waren.

Das Problem der Zugangsgerechtigkeit stellt sich auch im Bildungsbereich: Die Corona-Krise wird zum Testlauf für die digitale Bildung. Aber auch hier haben nicht alle Schülerinnen und Schüler die gleichen Voraussetzungen: Mit dem Smartphone ist der digitale Fernunterricht schwieriger zu bewerkstelligen, als wenn zu Hause ein grosser Bildschirm und ein Drucker stehen. Die Gefahr, dass ausgerechnet digitale Lehrmittel – die im Prinzip allen überall auf der Welt offenstehen – die Chancengerechtigkeit im Bildungsbereich weiter untergraben könnten, erwähnt auch die Vorstudie zu den MOOCS, welche die Universität Fribourg 2014 im Auftrag von TA-SWISS erstellt hat

Privacy und Datenschutz

Viele Länder setzen zur Eindämmung der Pandemie mit grossem Erfolg auf digitale Überwachungstechnologien und Künstliche Intelligenz: Tracking-Systeme, die Handydaten auswerten, um den Kontakt von Erkrankten mit Gesunden zu erfassen und Ansteckungsketten rückverfolgen zu können; Standort-Daten zur Überprüfung von Versammlungsverboten und die Überwachung von Menschen in Quarantäne; smarte Infrarotkameras mit Gesichtserkennungssoftware, die bei Körpertemperaturen von über 37,3 Grad Alarm schlagen. Die Prinzipien des Datenschutzes werden dabei angesichts der Dringlichkeit und des Ausnahmecharakters der Situation nicht immer respektiert. Das bedeutet: meist keine Anonymisierung persönlicher Daten, keine Beschränkung der Datensammlung auf das minimal notwendige Mass, kein erweiterter Schutz in Form von Verschlüsselung oder eingeschränkten Zugriffsrechten und keine Garantie, dass die Daten nach ihrer Nutzung vernichtet werden. Gleichzeitig motiviert gerade diese Situation eine grosse Zahl von Forschern und App-Entwicklern in der Schweiz und anderswo dazu, die technischen Grundlagen für datenschutzkonforme Tracking-Apps zu entwickeln.

Vor der Krise war das Gesundheitstracking, die Selbstvermessung mithilfe von Sensoren und Smartphone-Apps, hauptsächlich ein Tool zur Überwachung der eigenen Gesundheit und zur Verbesserung der eignen Leistungsfähigkeit. Die TA-SWISS-Studie «Quantified Self» zum Self-Tracking im Gesundheitsbereich hielt aber bereits 2018 fest, dass selbst zum primären Zweck des gesundheitlichen Nutzens für das Individuum entwickelte Trackingtechnologien immer auch neue Ermittlungsmöglichkeiten eröffnen. Unbedingt sei dabei stets die Menschenwürde zu schützen und zu beachten; der Kernbereich der privaten Lebensgestaltung werde durch das Grundrecht geschützt, und eine nahezu lückenlose Registrierung aller Bewegungen und Lebensäusserungen sei deshalb unzulässig.

Werden solche Vorbehalte im Krisenfall hinfällig? Im Rahmen eines grossangelegten europäischen Forschungsprojektes, an dem TA-SWISS beteiligt war, wurden 2014 Bürgerinnen und Bürger in neun Ländern Europas gefragt, ob sie bereit wären, für ein Mehr an Sicherheit ein Weniger an Privatsphäre in Kauf zu nehmen. Die Antwort lautete: «Nein», ganz klar. Würde sich das ändern, wenn, wie in der Corona-Krise, statt der Sicherheit die eigene Gesundheit auf dem Spiel steht? Rechtfertigt das Wohl Aller die Beschränkung der Freiheitsrechte des Einzelnen? Kommt nun die Gesundheitsdiktatur im Namen der Seuchenprävention? Schopenhauer sagte: Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.

Robotisierte Helfer

Gesundheitssysteme am Limit, Ärzte und Pflegepersonal an erster Front und immer in Gefahr, sich selber mit dem Coronavirus zu infizieren. Zur Überlastung und den schwierigen Arbeitsbedingungen kommt der Mangel an Arbeitskräften, der dazu führt, dass im ganzen Land auch pensionierte Mediziner und Krankenpfleger aufgeboten werden müssen. Und wenn stattdessen Roboter zum Einsatz kämen? TA-SWISS hat die Reflexion über Roboter und autonome Geräte in der Pflege 2013 mit einer ersten Studie angestossen. Angesichts der raschen Fortschritte im Bereich der Robotik folgte 2019 «Focus Robots», ein partizipativer Workshop, bei dem Bürgerinnen und Bürger ihre Fragen, Visionen, Erwartungen und Befürchtungen bezüglich des Einsatzes von Robotern im medizinischen Bereich formulierten. Im Juni desselben Jahres startete TA-SWISS eine Studie zur Interaktion zwischen Menschen und Robotern, die Empathie simulieren.

Und danach?

Das bisher oft bis zur Ermüdung bemühte Schlagwort der «alles durchdringenden Digitalisierung» ist nun plötzlich weit mehr als nur ein Gemeinplatz geworden: Die Krise hat einen wahren Digitalisierungsschub ausgelöst. Arbeit und Handel, gesellschaftliches und politisches Leben weichen online aus. Die Parlamentssession musste frühzeitig abgebrochen werden, Bürgerinnen und Bürger sitzen im Hausarrest. Wie wird sich das langfristig auf gesellschaftliche Strukturen, den sozialen Zusammenhalt, die Demokratie auswirken? Ist es wünschbar, machbar oder vielleicht sogar unabdingbar, nach der Krise alles wieder in den Normalzustand zurückzuversetzen? Oder finden wir nun vielleicht neue digitale Wege für ein stabileres, krisenresistenteres, nachhaltigeres demokratisches Miteinander? Die zurzeit laufende TA-SWISS-Studie «Digitale Demokratie» wird sich solcher Fragen annehmen.

Schliesslich scheint die Covid-19-Epidemie in Regierung und Parlament, ja selbst in Parteien und Medien den Willen zu stärken, über parteiliche und ideologische Gräben hinweg zu verantwortungsvollen Entscheiden zu finden. Dazu müssen zunächst die oft komplizierten Fakten und ihre Zusammenhänge herausgeschält werden. Erst dann kann die noch schwierigere Debatte über die Werte, die uns wichtig sind, angegangen werden. Hier kann die Technikfolgenabschätzung als wissenschaftlich fundierte Beratung der Politik einen Beitrag dazu leisten, neue Technologien für konstruktive Lösungen einzusetzen.

Politische Entscheide werden im Spannungsfeld zwischen Wissen und Gewissen gefällt. Evidenzbasierte Technikfolgenabschätzung untersucht mögliche «technologische Zukünfte» deshalb nicht allein auf ihre Machbarkeit hin, sie bemüht sich auch, die damit verbundenen erwünschten und unerwünschten Folgen für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft durchzudeklinieren und daraus Handlungsoptionen für eine evidenzbasierte Politik abzuleiten. Aus genau diesem Grund wird TA-SWISS auch in der jetzigen Krise weiterhin genau hinschauen.

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