TA 27/1997

Biosensoren in der Schweiz: Bedürfnisse und Konfliktfelder im Zusammenhang mit dem Einsatz von Biosensoren im Anwendungsgebiet Human-medizin

Horst Vogel, Wolf Zinkl


Zusammenfassung

Biosensoren und biochemische Diagnostik

- Biosensoren sind ein neues Messprinzip, bei welchem biologische Materialien auf eine gesuchte Substanz reagieren.

- Biosensoren können gegenwärtig in der Humanmedizin vor allem im Rahmen der klassischen biochemischen Diagnostik verwendet werden. In diesem Anwendungsgebiet sind in Grosslabors über 400 Parameter messbar, aber annähernd 90% aller Messungen werden durch ca. 20 Parameter verursacht.

- Gegenwärtig werden Biosensoren in der biochemischen Diagnostik in der Schweiz noch kaum verwendet. In den Labors dominiert noch die traditionelle Technologie aus dem Instrumentenbau. Mit Biosensoren bestückte Analysegeräte können aber bereits über 10 der am meisten gemessenen Parameter in der biochemischen Diagnostik erfassen.

- Im Gegensatz zur traditionellen Technologie eignen sich Biosensoren sehr gut für eine dezentrale biochemische Diagnostik am Ort wo sich der Patient befindet, z.B. in der Arztpraxis. Die Proben müssen dabei nicht mehr in ein zentrales Labor gesendet werden, sondern werden innert Minuten direkt am Ort analysiert. Derzeit wird die Mehrzahl der Analysen in der biochemischen Diagnostik in zentralen Labors und nicht in Arztpraxen durchgeführt.

Reglementierungen in der biochemischen Diagnostik

Die biochemische Diagnostik darf nur von bestimmten Leistungserbringern durchgeführt werden. In der Schweiz bestimmt das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), welche Kriterien ein Leistungserbringer erfüllen muss und welche Test er durchführen darf. Die Bandbreite der zugelassenen Leistungserbringer geht von einem Arzt mit einem Praxislabor (Tests der Grundversorgung) bis zu einem Grosslabor in einem Universitätsspital (unlimitiertes Testspektrum).

Die Preisgestaltung in der biochemischen Diagnostik ist reguliert. Vergütet wird jedem Leistungserbringer pro Test eine im voraus festgelegte Anzahl Taxpunkte - dies unabhängig vom tatsächlichen Aufwand des Leistungserbringers. Einsparungen beim Aufwand, der durch die Test verursacht wird, erhöhen demnach den Gewinn der Leistungserbringer, aber senken nicht die Kosten für das Gesundheitswesen.

Anspruchsgruppen in der biochemischen Diagnostik

- Mit der biochemischen Diagnostik befassen sich unterschiedliche Anspruchsgruppen mit verschiedenen Interessen und voneinander abweichenden Einschätzungen der Auswirkungen, die durch den Einsatz von Biosensoren in der biochemischen Diagnostik zu erwarten sind.

- Patienten würden den Einsatz von Biosensoren für eine dezentrale biochemische Diagnostik begrüssen. Vorteile wären für sie ein höherer Komfort und teilweise wesentlich schnellere Antwortzeiten. Weil sie schlecht organisiert sind und keine Lobby haben, können aber Patienten ihre Interessen nicht durchsetzen.

- Ärzte teilen die Ansicht der Patienten gegenüber dem Einsatz von Biosensoren. Durch eine dezentrale biochemische Diagnostik, die sie selber durchführen, wird einerseits die Beziehung Arzt-Patient verbessert. Andererseits kann mit Biosensoren der Arzt auch seine Wertschöpfung erhöhen, weil er selber und nicht ein Labor die biochemische Diagnostik durchführt.

- Vertreter von Labors beurteilen den Einsatz von Biosensoren mit gemischten Gefühlen. Die Verwendung von Biosensoren als Messprinzip in Analysegeräten in Labors würde aus Sicht von Laborleitern die Organisation in den Labors vereinfachen. Die Verwendung von Biosensoren für eine dezentrale biochemische Diagnostik durch Ärzte würde hingegen den Arbeitsanfall in den Labors reduzieren. Deswegen befürchten Mitarbeiter in Labors, dass durch Biosensoren die notwendige Qualifikation und Anzahl von Labormitarbeitern gesenkt würde.

- Vertreter von Verwaltungen und Gesundheitsbehörden stehen dem Einsatz von Biosensoren eher skeptisch gegenüber. Sie erwarten vor allem eine Mengenausweitung in der biochemischen Diagnostik, wenn Ärzte diese selber und einfacher durchführen können. Dies könnte zu unerwünschten Kostensteigerungen im Gesundheitswesen führen. Gleichzeitig würde durch eine Zunahme der dezentralen Applikationen auch die bereits bestehende Infrastruktur in Labors schlechter ausgenutzt.